100km-Lauf in Biel/Schweiz am 15./16.06.2007
Wenn der Marathon zur Mittelstrecke wird …
Heiner Windbrake startete für die Sportfreunde Rhade beim 100-km-Lauf in Biel/Bienne (Schweiz)
Bereits am Mittwoch, 13.06.2007 reiste ich ins schöne Balsthal / Schweiz, meiner
Basisstation für den 100-km-Lauf von Biel.
Mit meinem Unterstützungs-Team sah ich mir ein wenig die Umgebung an und verbrachte
einen ruhigen Nachmittag und Abend.
Am Donnerstag sah sich das Unterstützungs-Team Zürich an, während ich allein in
die Wälder des Schweizer Jura ging. Hatte ich genug trainiert? Würde die ein oder
andere ausgefallene Trainingseinheit sich während des Laufes rächen? Würde ich mir
gesundheitlich Ernsthaftes zufügen? Wie verrückt muss ich eigentlich gewesen sein,
mich zu dem Lauf anzumelden? Nicht den Respekt vor den 100 km und der Größe der
Herausforderung wohl aber die mentale Unsicherheit ließ ich bei dem zwei- bis
dreistündigen Spaziergang im Wald zurück.
Mit Zuversicht machte ich mich dann an die konkreten Vorbereitungen, wie Musik
und Hörbuch auf den mp3-Player laden, Ausrüstung sortieren (ich hatte Ausrüstung
für jedes erdenkliche Wetter dabei) und noch einmal alle Informationen über den
Lauf zu lesen.
Als ich am Nachmittag Brigitte und Georg nach ihrem Zürich-Ausflug vom Bahnhof
abholte, war allerdings ein Teil der Entspannung wieder weg. Ein LKW fuhr von
hinten auf mein Auto auf, zertrümmerte die Stoßstange und hinterließ eine große
Beule in der Heckklappe. Die schweizer Polizisten waren sehr nett und nahmen ein
Unfallprotokoll auf. Personenschäden gab es nicht, das Auto blieb fahrbereit,
die Schuldfrage war unstreitig. Ich verdrängte das Problem daher erst einmal.
Ich würde mich nach dem Lauf darum kümmern.
Am Abend gab es Gewitter.
Der Freitag begrüßte uns dann mit Dauerregen. Mal schwächer, mal stärker, aber
ohne Pause.
Ich schlief und entspannte viel. Wir machten einen Plan, wer mich wann an der
Strecke besuchen würde. Georg, Jörg und Brigitte holten sogar die Startunterlagen
für mich ab. Elisabeth bereitete die letzte Mahlzeit vor dem Lauf vor: natürlich
Pasta.
Gegen 20:00 Uhr d.h. zwei Stunden vor dem Start fuhren wir nach Biel. Der Regen
hatte aufgehört.
10 Minuten vor dem Start:
Jemand aus Dülmen sprach mich an. Er hatte mich anhand meiner Mütze als Rhader
identifiziert. Seinem Onkel war der Name Windbrake in der Teilnehmerliste aufgefallen.
Die Beziehungen zum Sportgeschäft Windbrake in Rhade wurden geklärt, Tipps
ausgetauscht und Glück gewünscht.
2 Minuten vor dem Start:
Puls 58, es konnte losgehen
22:00 Uhr. Startschuss!
Mehr als 2200 Läuferinnen und Läufer setzten sich in Bewegung. Eine Nettozeitnahme
gab es nicht. Nach 45 Sekunden bin ich durch das Starttor gelaufen. Was sind
schon 45 Sekunden beim 100-km-Lauf. (Bei den Männern waren 8 Sekunden
siegentscheidend, aber das ist nicht meine Geschichte).
Nach dem Start wurde es sehr schnell dunkel, sehr dunkel. Glücklicherweise war
immer irgendein Läufer mit Kopflampe um mich herum, so dass ich meine eigene im
Beckengurt lassen konnte.
Und es wurde still, fast gespenstisch still. Niemand sprach ein Wort. Man hörte
nur die Schritte der Läufer. In unregelmäßigen Abständen aufgestellte, blinkende
Taschenlampen wiesen uns den Weg. Irgendwann kam der Führende des später gestarteten
Nachtmarathons vorbei. Seine Fahrradbegleitung bat lautstark, ihm Platz zu machen.
Danach wurde es wieder still. Die Fahrradbegleiter der 100-km-Läufer waren auf
diesen engen Wald- und Wiesenwegen nicht zugelassen.
Bei km 38,5 traf ich zum ersten Mal auf Freunde aus dem Unterstützungs-Team. Von
da an würde ich an jedem zweiten Verpflegungsstand d.h. ca. alle 10 km auf meine
Freunde treffen. Bis zum Ende habe ich nichts aus der Tasche, die sie immer dabei
hatten, gebraucht. Aber ich freute mich jedes Mal, sie zu treffen und ein paar
aufmunternde Worte zu hören.
An jedem der 18 Verpflegungsstände ließ ich mir Zeit und nahm nahezu das volle
Angebot in Anspruch. Vor allem natürlich Wasser aber auch Cola, Boullion und
Zitronentee, Brot, Bananen und Orangen lieferten das Notwendige für den Lauf.
Sogenannte Sportlernahrung wie Iso-Drinks und Energie-Riegel verschmähte ich.
Auch als es wieder hell war, wurde wenig gesprochen. Im Vorbeilaufen sah man sich
kurz an und lächelte sich zu. Konkurrenzdenken gab es in meinem Umfeld nicht.
In den flüchtigen Blicken lag Mitgefühl und Hochachtung vor der Leistung des
jeweils anderen.
Die Zeit verging schnell. Die beiden Regenschauer habe ich kaum wahrgenommen.
Bei km 66 war ich mir sicher, ins Ziel zu kommen.
Bei km 80 wusste ich, dass ich es unter 14 Stunden schaffen würde.
Bei km 92 dann noch eine Herausforderung in Form eines steilen Anstieges, mit
dem ich nicht gerechnet hatte. Das sich anschließende, genauso steile Gefälle war
für meine Knie viel schlimmer.
Die letzten 5 km führten über eine absolut flache Strecke. Auf den letzen 3 km konnte
ich sogar noch einmal zulegen und lief dann den letzten Kilometer richtig zügig.
Noch ein paar Schritte, die Arme in die Höhe und mit einem Lächeln durchs Ziel.
Um 10:50 Uhr nach 12 Stunden und 50 Minuten war es geschafft.
Das monatelange Training mit den beiden Marathons im März (Steinfurt) und Mai
(Karstadt-Ruhrmarathon) hatten sich gelohnt. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl.
Meine Laufeinteilung hatte besser als erwartet funktioniert. Besser auch als bei
vielen anderen: War ich im Gesamtklassement bei km 38,5 noch auf Platz 895, war
es bei km 56,1 schon Platz 770, bei km 76,6 Platz 687 und im Ziel Platz 680.
Eine Platzierung im Mittelfeld der Finisher.
Das Unterstützungs-Team erwartete mich im Ziel mit einer Flasche kühlen Biers.
Es schmeckte köstlich und blieb – wie auch das zweite – "drin".
Auf der 45-minütigen Fahrt zurück nach Balsthal schlief ich natürlich ein. Auch
danach gönnte ich mir ein paar Stunden Schlaf. Beim gemeinschaftlichen Abendessen
war ich allerdings schon wieder dabei und erholte mich schnell.
Am Sonntag verabschiedeten wir Jörg und Georg, die zu ihrer 4-tägigen alpinen
Bergwandertour starteten.
Am Montag fuhren Brigitte und ich zurück nach Rhade.
Es bleibt, mich bei allen, die mich bei den Vorbereitungen unterstützt haben,
insbesondere aber meinem Unterstützungs-Team vor Ort bestehend aus: Elisabeth und
Jörg Rudnick, Georg Lammers und meiner Frau Brigitte ganz herzlich zu bedanken.
Sie haben in dieser Nacht kaum geschlafen, haben immer irgendwie einen Weg an
die Lauf-Strecke gefunden und mir viel mentale Kraft gegeben.
Noch ein wenig Statistik (Quelle: www.100km.ch):
Von den mehr als 3.000 Aktiven bei den 49. Bieler Lauftagen hatten sich mehr als
2.200 Läuferinnen und Läufer für den 100-km-Lauf angemeldet.
1.285 Angemeldete kamen ins Ziel, davon 1118 Männer und 167 Frauen.
